„I know my culture -

I know how to supplicate

my spirits“

Sylvester Mubayi

7. Juli bis 16. September 2001

 

 

Mit unserer zweiten Shona-Präsentation in diesem Jahr möchten wir Sie in die steingewordene Welt des „großen“ Sylvester Mubayi führen. Eine einmalige Auswahl an Skulpturen unterschiedlicher Größe und Entstehungszeit gibt Ihnen einen Überblick über das vielseitige Werk und die künstlerische Entwicklung des Meisters, der heute fraglos als einer der international anerkanntesten Shona-Bildhauer bezeichnet werden kann. Grund genug, ihm eine Einzelausstellung zu widmen und sich mit der Frage zu beschäftigen, welche Faszination von seinen Arbeiten ausgeht, und was diesen Steinen mit der glatten Oberfläche ihre zugleich kraftvolle Spannung und ihre so ansprechende Zartheit verleiht.

Geboren 1942, gehört Sylvester Mubayi zur ersten Generation der Shona-Bildhauer. 1966 begegnete er, auf der Suche nach Arbeit, Tom Blomefield, der den Weg des zukünftigen Bildhauers nachhaltig beeinflussen sollte. 1969 verließ dieser jedoch die Künstlergemeinschaft Tengenenge und beteiligte sich wesentlich an der Gründung der Künstlergemeinschaft Vukutu im östlichen Hochland Simbabwes. In dieser Zeit stand Mubayi noch unter dem künstlerischen Einfluß .

Joram Marigas. Während der Unruhen des Bürgerkrieges kam Mubayi 1973 nach Harare , wo er Roy Guthrie kennenlernte, mit dem er seit dieser Zeit - und vor allem nach Gründung des Chapungu-Sculpture-Parks - eng zusammenarbeitet und freundschaftlich verbunden ist. Sylvester Mubayis Skulpturen haben weltweit viele Liebhaber gefunden. Sie erzählen in ihrer ursprünglichen, harmonischen Formensprache von Mensch und Tier, die beide in einen Kosmos eingebunden sind, der sowohl von Naturgesetzen als auch von spirituellen Kräften bestimmt wird. Ihr Schöpfer steht fest in seiner Kultur verwurzelt und hält die Verbindung zur traditionellen geistigen Welt seiner Heimat.

 

Sylvester Mubayi - Eine lebende Legende

 

Es war eine schicksalshafte Begegnung, damals im Jahr 1967, als der Kleintransporter von Tom Blomefield vor dem Eingang der Nationalgallery in Harare parkte und Sylvester Mubayi (damals war er 25 Jahre alt) vorbeifuhr. Er hielt neugierig an, sah die Skulpturen, die dieser auf der Pritsche des Wagens geladen hatte, und wartete, bis Tom Blomefield herauskam. Ein Gespräch über die Skulpturen entwickelte sich, an dessen Ende Tom Blomefield fragte:

Do you want to be a sculptor? Dieser Frage folgte prompt die Einladung "Come and join us in Tengenenge". Sylvesters Antwort lautete ohne Zögern "I will come".

Zusammen fuhren beide zu Sylvesters Wohnung und sammelten seine Habseligkeiten ein.

Der schnelle Entschluß war um so erstaunlicher, als Sylvester zu jener Zeit eine feste Anstellung in einer Bierbrauerei hatte.

Das war ein Jahr nachdem Tom Blomefield aus der Not heraus infolge Internationaler Sanktionen den Anbau und die Vermarktung von Tabak auf seinem Land in Guruve aufgegeben hatte. Die mittlerweile arbeitslosen Plantagenarbeiter kamen u.a. aus Mosambique, Malawi, Sambia und Angola. Viele dieser ehemaligen Arbeiter haben angespornt von Tom Blomefields Engagement begonnen, Skulpturen aus dem Serpentin zu hauen, der aus einem Steinbruch im Besitz des ehemaligen Tabakfarmers stammt.

Diese Begegnung hat Sylvesters Leben komplett verändert. Er war 1942 bei Marondera im Chiota-Reservat geboren und lebte in einem sehr engen und traditionellen Familienverhältnis. Bis zu seinem 16. Lebensjahr besuchte er die Schule und arbeitete daraufhin als Viehhirte für seinen Vater. Die ersten Jahre seines Lebens waren geprägt von uralten Mythen und Geschichten, von Geborgenheit im Schoß der Familie und einem engen Verhältnis zur Natur - vor allem zu Tieren.

Der junge Sylvester lernte in Tengenenge bedeutende Künstler wie Bernard Matemera, Joram Mariga, Henry Munyaradzi, Fanizani Akuda, Ephraim Chaurika, Jozia Manzi und Nicholas Mukomberanwa kennen. Vor allem mit Nicholas verbindet ihn bis heute eine tiefe Freundschaft.

Die ersten Monate waren sicher nicht einfach. Wichtig war ihm nach eigener Aussage, einen eigenen künstlerischen Weg einzuschlagen, vor allem in Anbetracht der Tatsache, daß der Stil Bernard Matemeras für die Künstler in Tengenege eindeutig Vorbildcharakter hatte.

"It was very difficult. It took me time - big stones became very small! I cut everything down!" Seine ersten Motive waren Tiere, vor allem Vögel und auch Hunde. Sehr schnell suchte er auch eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem natürlichen und übernatürlichen Wesen der Natur. Als einer der ersten schuf er damals schon die Skelette, die ihn sehr schnell berühmt gemacht haben.

Die Enge im Künstlerdorf Tengenege hat ihn 1969 dazu bewogen, wieder nach Harare zurück zu kehren. Noch im selben Jahr erhielt er die höchste künstlerische Auszeichnung in Südafrika, den sogenannten Ernest Oppenheimer Memorial Award für Bildhauerei.

Frank McEwen, der Direktor der National Gallery lud ihn ein, beim Workshop teilzunehmen. Dort arbeitete er mit Joseph Ndandarika, Boira Mteki und auch Nicholas Mukomberanwa zusammen. Entscheidend war sicherlich, daß sich Frank McEwen aus jeglicher Einmischung in den Stil der Künstler heraus hielt. Einige der frühen Skulpturen Sylvesters wurden von Frank McEwen für die National Gallery angekauft, andere wurden auf die beiden großen Ausstellungen in Paris Ende der 70er Jahre geschickt und haben dort ein sehr positives Echo erhalten.

Frank McEwans großer Traum aber war, den Künstlern einen Ort zur Verfügung zu stellen, an dem sie fern ab vom Tourismus-Troubel Harares im Einklang mit der Natur ihren eigenen künstlerischen Weg gehen können. Sehr schnell wurde ein geeignetes Stück Land im Osten von Harare gefunden im Hochland von Nyanga, und Sylvester begann mit dem Bau von Hütten und der Auswahl von Künstlern, die dort gemeinsam mit ihm arbeiten sollten. Diese Künstlergemeinschaft wurde von Sylvester "Vukutu" benannt nach dem Shona-Wort für Taube. Künstler wie John Takawira, Nicholas Mukomberanwa und Moses Masaya u.a. lebten und arbeiteten dort zusammen mit Sylvester Mubayi. Dieser liebte die tierreiche Natur und Berge, die wie Skulpturen aus der Ebene ragen:

"Dort gibt es Felsen und Berge, Wilkatzen, wilde Tiere, Leoparden und wenn man die Berge anschaut, sieht man sie wie Skulpturen. Es war ein Stück Land, wo man sich so sehr wohl fühlen konnte. Ich baute Häuser und wir hatten eine große Einweihungsfeier. Wir brauten Bier und spielten dazu Musik - Wir hatten Spaß."

Diese Jahre gehörten zu den schönsten in Sylvesters Künstlerleben und dennoch verließ er das Vukutu Art Center bereits nach drei Jahren, um zurück nach Harare zu gehen. Dort lernte er 1973 Roy Guthrie kennen, der damals eine kleine Galerie für Skulpturen betrieb. Die Wirren des Krieges trieben Mubayi zurück in sein Heimatdorf und nur mit Mühe und großem persönlichen Einsatz konnte Roy Guthrie ihn wie auch andere Künstler während des Unabhängigkeitskrieges dazu bewegen, weiter in der Bildhauerei tätig zu sein. 1981 erfolgte der internationale Durchbruch bei einer großen Ausstellung im Simbabwehaus in London zusammen mit Nicholas Mukomberanwa und Joseph Ndandarika.

Seit dieser Zeit sind Skulpturen Sylvester Mubayis in zahlreichen internationalen Ausstellungen zu sehen, wie z.B. in Großbritannien, Schweden, Holland, Deutschland, Australien, Neu Seeland und den USA. Er gehört unbestreitbar zu den größten noch lebenden Künstlern der Steinbildhauerkunst aus Simbabwe.

Noch heute ist seine Schaffenskraft ungebrochen, auch wenn er aufgrund seines Alters für die großformatigen Skulpturen auf die Mithilfe seiner Familie angewiesen ist. Auch begibt er sich nur noch sehr selten Reisen zu eigenen Ausstellungen, um dort persönlich anwesend zu sein. Er selbst sagt, daß er leidet, wenn er nicht bildhauern kann.

 

Die zentralen Themen seiner Skulpturen sind seit den Anfängen seiner Tätigkeit: Familie, Liebe, Tiere und Spiritualität. In seinen Bildwerken porträtiert er die kulturelle Umwelt, in der er groß geworden ist. Der Verlust dieser Tradition bei der heutigen Jugend Simbabwes ist ihm schmerzlich bewußt und es ist ihm wichtig, zumindest seinem eigenen Nachwuchs die Geschichten weiterzugeben, die ihm in seiner Kindheit erzählt worden sind. So erinnert er sich beispielsweise lebhaft an folgende Geschichte:

Es lebten einmal ein Affe in den Bäumen und ein Krokodil im Fluß. Der Affe wollte im Fluß trinken, hatte aber Angst vor dem Krokodil. Eines Tages kam der Affe zum Wasser und das Krokodil sagte: Wenn du zum trinken kommst, fresse ich dich. Der Affe sagte: Iss mich nicht, ich bin dein Freund. das Krokodil antwortete daraufhin: Spring auf meinen Rücken, ich werde dir das Schwimmen beibringen. Mitten auf dem Fluß machte das Krokodil halt und sagte: Affe, wie kann ich dir das Schwimmen beibringen, wenn ich hungrig bin? Ich möchte dein Herz essen. Aber der Affe sagte: Oh entschuldige, habe ich dir das nicht gesagt, aber mein Herz habe ich auf dem Baum gelassen. Laß mich zurückgehen und dir mein Herz vom Baum bringen. Das Krokodil war dumm. Sie schwammen zurück und der Affe kletterte auf den Baum. Er sagte: Krokodil du bist dumm. Wie kann man ohne Herz laufen?

Es sind solche alten Geschichten, die ihm seit Kindheit an vertraut sind, und die in zahlreichen seiner Skulpturen in unterschiedlicher Art umgesetzt sind.

Sylvester hat sich darüber hinaus aber vor allem mit der Familie künstlerisch beschäftigt:, wie zum Beispiel mit dem Motiv der Zwillinge. Zwillinge waren in Simbabwe bis zu den Jahren als westlicher Einfluß alte Mythen verdrängt hat, Symbol für Unglück, und man hatte einen der Zwillinge umgebracht. Viele Mütter versuchten das Leben beider Kinder durch Flucht zu retten. Dann kamen die Europäer und meinten, es bedeute Glück, wenn man Zwillinge bekäme, denn sie sorgen füreinander. Jetzt sind die Menschen stolz, wenn sie Zwillinge bekommen.

Oder ein Thema, das auch viele andere Künstler beschäftigt hat: der Mudzimu-Stier. Dieses Ritual hat einen enorm hohen Stellenwert innerhalb der Vorstellungswelt der Shona. Bei Tod eines Familienoberhauptes wird ein bestimmtes Bier gebraut. Dieses Bier wird auf den Nacken, den Rücken und auf den Kopf des ausgewählten Jungstiers ausgeschüttet, um den Schutz der Familie zu erwirken. Bei dessen Tod wird ein neuer junger Stier ausgewählt, um dessen Platz einzunehmen.

 

Die Werke Sylvesters sind einzigartig und unverkennbar. Sie bestechen durch eine technische Brillanz, die er im Laufe der letzten 3 Jahrzehnte seines künstlerischen Schaffens perfektioniert hat. Ein herausragendes Kennzeichen ist die weiche Linienführung, eine Betonung des Mundes und der Augen sowie eine Reduzierung und Abstraktion der Körpergliedmaßen der überwiegend figürlichen Darstellungen. Dadurch wirken seine Bildwerke zeitlos in sich ruhend und bestechen durch eine Harmonie, die sich auch auf den Betrachter ausweitet.

Einige der Weggefährten Sylvester Mubayis wie Henry Munyaradzi, Joram Mariga, John Takawira, Boira Mteki und Joseph Ndandarika, die wie er die Steinbildhauerkunst Simbabwes jenseits dessen Grenzen bekannt gemacht haben, sind bereits verstorben. Hoffen wir, daß ihm noch einige Jahre fruchtbarer Schaffenskraft gegeben sind.