Entwicklungsgeschichte derShona-Bildhauerei

und die Zusammenarbeit der

Bettendorffschen Galerie Im Schloßgarten

mit den Chapungu Sculpture Park inHarare

 

Mit der Gründung der Bettendorffschen Galerie ImSchloßgarten in Gauangelloch bei Leimen im Jahre 1993 formiertesich in südwestdeutschen Raum ein Zentrum fürShona-Skulpturen. Alljährlich veranstaltet die private Galerieim Besitz der Familie von Bettendorff mehrere Einzel- undGruppenausstellungen der bedeutendsten Shona-Bildhauer, wie SylvesterMubayi, Henry Munyaradzi, Joram Mariga, Collen Madamombe, AgnesNyanhongo oder Bernard Matemera. In einem weitläufigenSkulpturengarten, der das Galeriegebäude umgibt, setzenmonumentale Shona-Plastiken kraftvolle Akzente. Zugleich verschmelzenNatur und Bildwerk zu einer Einheit.

Die Bettendorffsche Galerie arbeitet seit ihrer Gründungdirekt mit dem Chapungu Sculpture Park in Harare, der HauptstadtSimbabwes, zusammen. Der Chapungu Park ist ein wichtiges Forum, wodie Künstler auf einem weitläufigen Gelände mitAteliers, einem integrierten Museum, einer Galerie und einer offenenBühne leben und arbeiten. Roy Guthrie, der Direktor, hat sichzum Ziel gemacht, die Kunst in Simbabwe zu fördern, zu bewahrenund zu dokumentieren. Weltweit organisiert er Ausstellungen. Durchsein großes Engagement für die Bildhauerkunst Simbawessetzt Roy Guthrie das Lebenswerk des ersten Förderers derShona-Bildhauer, Franc McEwen, fort, der Mitte der 50er Jahre denAusstieg aus dem europäischen Kunstbetrieb beschloß, umdie Leitung der neu errichteten Nationalgalerie Rhodesiens inSalisbury, dem heutigen Harare, zu übernehmen. Dortgründete er eine Werkstatt-Schule, die die Geburtsstätteder Shona-Bildhauerei werden sollte. Franc McEwen stellte dereinheimischen Bevölkerung Material und Raum zur Verfügung,um deren künstlerische Produktion anzuregen und zu fördern.Dann machte er die Bekanntschaft Joram Marigas, der heute als Vaterder Shona-Plastik gilt. Joram Mariga legte McEwen einen ingrünen Speckstein gehauenen Kopf vor, der ihn zu tiefstbeeindruckte. Er forderte Mariga auf, einen Workshop fürBildhauerei zu leiten - und dies war die Geburtsstunde derShona-Skulpturen, die bis heute, nach mehr als 30 Jahren, nichts vonihrer Ursprünglichkeit und Kraft verloren haben. Schnellentwickelte sich die Bildhauerschule in Salisbury zum Nährbodeneiner höchst fruchtbaren künstlerischen Produktion. Auf derSuche nach einem neuen Ort für seine Werkstattschulegründete Franc McEwen, unterstützt von dem BildhauerSylvester Mubayi, im Jahre 1969 die Künstlergemeinschaft Vukutuim östlichen Hochland von Simbabwe. Im Einklang mit der Natur,wie McEwen schrieb, haben die Künstler dort, abseits vomTouristenstrom, ihre schönsten Arbeiten gefertigt.

Neben McEwen hat Tom Blomefield die Entstehungsgeschichte derShona-Plastik entscheidend mitgeprägt: Als die politischenUmstände des Unabhängigkeitskrieges den Tabakfarmerzwangen, seine Farm aufzugegeben, gründete er 1966 dieKünstlergemeinschaft Tengenenge im Nordosten Simbabwes, aus derheute so bekannte Bildhauer wie Henry Munyaradzi, Bernard Matemeraoder Josiah Manzi hervorgingen.

Die Unruhen des rund 15 Jahre andauernden Bürgerkiegs, der1980 zur Unabhängigkeit Simbabwes führte, machten eineaktive Kunstszene und Ausstellungstätigkeit beinaheunmöglich. Viele Shona-Bildhauer waren gezwungen, ihre ehemaligeTätigkeit, beispielsweise als Landarbeiter, wieder aufzunehmen.1973 legte Franc McEwen sein Amt als Leiter den NationalgalerieRhodesiens nieder. In diesen harten Zeiten erwarb Roy Guthrie, derheutige Direktor des Chapungu Parks, in privater InitiativeShona-Skulpturen - einerseits um die Künstler zu fördernund die Künstlerbewegung am Leben zu erhalten, andererseits auchin der Hoffnung mit dem Ende des Krieges die Popularität derShona-Bildhauerei durch internationale Ausstellungen neu zu weckenund zu fördern. Aus seiner Galerie für Shona-Skulpturenentstand nicht lange nach der Unabhängigkeitserklärung Simbabwes der Chapungu Park, der heute über den weltweitgrößten Bestand an Shona-Plastiken verfügt.

Die Shona-Bildhauer nehmen heute einen sehr hohen und ständigsteigenden Rang auf dem internationalen Kunstmarkt ein. IhreNaturnähe, die Ursprünglichkeit und die Unmittelbarkeitihres Ausdrucks, machen die Skulpturen aus Simbabwe auf der ganzenWelt so beliebt. Die Figuren strahlen eine ungeheure Kraft undÄsthetik aus, die zu einem großen Teil in dem Streben derKünstler nach der Dauerhaftigkeit ihrer Werke begründetliegt. Die Shona-Bildhauer bearbeiten immer härtere Steine, umder Vergänglichkeit des Materials und der Schnellebigkeitunserer Zeit entgegenzuwirken. Das Überleben in ihren Werken unddas Überdauern der damit verknüpften Inhalte ist fürdie Künstler aus Simbabwe von großer Wichtigkeit. Fernerspielt ist der "Dialog mit dem Stein" eine große Rolle. DieShona-Bildhauer haben sich zur Aufgabe gemacht, die schon im Steinangelegte Skulptur zu erspüren und zu befreien. Hierbeikennzeichnet die Bildhauer aus Simbabwe ein beinahe mythischesVerhältnis zur Natur. So verwenden die Künstler keinerleimaschinelle Hilfsmittel bei der Herstellung ihrer Skulpturen - siewürden den engen Kontakt zwischen Künstler und Steinstören. Ganz in Handarbeit werden die Steine somit behauen,anschließend poliert, erhitzt und mit Wachs bestrichen, damitsich die Naturfarbe des Steins voll entfalten kann. Immer zeichnensich die Shona-Skulpturen durch ihre wunderbareOberflächenbearbeitung aus, durch feine Linienführungen,die den Figuren nicht selten eine große haptische Qualitätverleihen: Man möchte sie anfassen, den Stein spüren.

Franc McEwen hat einmal geschrieben: "...Kunst ist eine visuelleErfahrung, die den Geist durch das Auge erreicht, um dasUnbewußte zu berühren und zu enthüllen. ... Kunst istdie unmittelbare visuelle Identifikation mit Harmonie und kann einLeben lang begeistern...". Dies trifft auch und ganz besonders aufdie Shona-Skulpturen zu, deren kraftvolle Aura direkt zumUnterbewußtsein des Betrachters spricht.