10 Jahre Bettendorffsche Galerie

50 Jahre Shona-Skulpturen

19. Juni - 31. August 2003

Wie jedes Jahr präsentieren wir Ihnen auch dieses Jahr eine ausgewählte Sammlung neuer Shonaskulpturen, die weitgehend aus der mittlerweile dritten Generation stammen. (Generation nicht biologisch mit den Bildhauern der anderen Generationen verwandt, sondern im Sinne der künstlerischen Verwandtschaft, daß sie die künstlerische Verantwortung der nunmehr weltbekannten Vorläufer übernehmen und weitertragen.)

Die Shona-Bildhauerei ist eine relative junge Künstlerbewegung, die in der Mitte der 50er Jahre des 20.Jh. im noch damaligen Rhodesien entstanden ist. Aus Feldarbeitern und Handwerkern wurden damals Künstler, eine Entwicklung, die so bei uns in Europa gar nicht denkbar wäre. Ausschlaggebend für diese Entwicklung sind im Grunde zwei, in ihrem Wesen unterschiedliche Mentoren: Frank Mc Ewen, ein englischer Kunstwissenschaftler und der Tabakfarmer Tom Bloomfield. Ersterer war davon überzeugt, daß wirkliche Kreativität angeboren sei. Im Gegensatz zu einer anerzogenen, erlernten Kreativität (wenig gute Kunst an den Akademien; verbildet) sei sie Ausdruck des Geistes und der inneren Freude am Gestalten. So begründete er im damaligen Salisbury eine Werkstatt-Schule, die Geburtsstätte der Shona-Bildhauerei, stellte Materialien und Räume zur Verfügung, um die potentielle Kreativität anzuregen und zu fördern. (Joram Mariga) So fantastisch diese Entstehungsgeschichte unserem rationalen, zielgerichteten Denken erscheinen mag, so sehr muß man sich klarmachen, welch großes Vertrauen Frank Mc Ewen in das kreative Können der Menschen als auch in sein eigenes Qualitätsurteil hatte. Hätte er nicht all seine Zuversicht, seine Tatkraft und Begeisterung umsetzten und an die werdenden Künstler trotz aller Schwierigkeiten weitergeben können, hätte eine solche Entwicklung ohne Anknüpfungsmöglichkeit an eine bildhauerische Tradition möglicherweise gar nicht stattfinden können.

Der internationale Erfolg stellte sich dann endlich 1971 in Paris ein, als Mc Ewen im Rodin Museum eine Shona-Ausstellung organisierte, die die ernstzunehmende Anerkennung der etablierten Kunstwelt bekam. Auch der Tabakfarmer Tom Bloomfield, der sich schon immer eher zum Künstler berufen fühlte, widmete sich, nachdem er seine Farm 1966 unter den schwierigen Bedingungen der Wirtschaftsblockade aufgeben hatte, fortan der Bildhauerei und gründete in Tengenenge (nordöstlich von Harare) eine Künstlergemeinschaft, aus der wiederum heute weltweit bekannte Künstler rekrutierten, wie z.B. Matemera, Munyaradzi, Chiwawa und Akuda.Ähnlich wie Mc Ewen besaß er die bemerkenswerte Fähigkeit, künstlerische Talente zu entdecken und zu fördern.

Und last but least muß noch Roy Guthrie genannt werden, der in schwierigen Kriegszeiten zunächst als privater Förderer durch Ankäufe, die in völlige Isolation geratenen Künstler unterstützte, ihnen Ausstellungen im Ausland organisierte und den Bildhauern neuen Auftrieb gab. Mit seinem Engagement setzte er somit das Lebenswerk Mc Ewen fort. Aus seiner bedeutenden Sammlung Gallerie Shona Sculpture ging der spätere Chapungu Sculpture Park hervor.

Heute ist Roy Guthrie für alle größeren internationalen Ausstellungen der Skulpturen verantwortlich; seine Galerie ist weiterhin führend unter den Förderern dieser Kunstform. Wo auch immer die Arbeiten zu sehen sind, rufen sie starke, oft gefühlvolle Reaktionen mit unterschiedlichen Erfahrungen und kulturellen Hintergrund hervor. Warum ist das so? Die Einstellungen der Künstler Zimbabwes zu ihren Arbeiten ist eine andere als z.B. der westlichen Kulturen. Ihr Werk ist sehr direkt, schließlich waren die Botschaften und Geschichten über Generationen wichtig für das Gefüge der Shona-Kultur, die immer noch große Bedeutung und Einfluß hat. Ihre Arbeiten sind menschlich durch die Wahl figurativer Darstellung, die Gefühle und Urerfahrungen beim Betrachter auslösen. Außerdem sind sie ästhetisch reizvoll.

Allein das Material, mit seiner eindrucksvollen Vielfalt an weichen und harten farbigen Steinen, lädt zu optischer Auseinandersetzung ein. Die Auswahl des Steines ist der erste Zugang zur Skulptur für den Shonabildhauer, denn er ist von seiner Tradition her von der Beseeltheit der Materie fest überzeugt. Ein Geist wohnt somit dem unbehandelten Felsbrocken inne, den der Bildhauer durch seine besondere gefühlsmäßige Bindung zum Stein, sichtbar zu machen versucht.

Die Shonabildhauerei stellt die grundlegenden Verhältnisse der zwei bestimmenden Kräfte im Shona-Leben dar: die sichtbare und die unsichtbare geistige Welt, die ja in allen Kulturen existiert, aber in dieser Kultur die Ahnengeister vertritt, die Vermittler zwischen den Toten und den Lebenden.